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2020-07-28: SAPV in Corona-Zeiten

UlfSibelius PalliativPro Giessen
Prof. Ulf Sibelius, stellvertretender Direktor der medizinischen Klinik V und leitender Oberarzt an der Uniklinik Gießen.

Kreis Gießen (ikr). „Wir haben die Anzahl der Patienten nicht heruntergefahren, wir haben voll weitergemacht, trotz Corona und der durch manche Medien verursachten schlimmen Stimmung und Hysterie“, resümiert Prof. Ulf Sibelius, stellvertretender Direktor der medizinischen Klinik V und leitender Oberarzt an der Uniklinik Gießen, die Arbeit der SAPV-Mitarbeiter. Die Abkürzung SAPV bedeutet „Spezialisierte ambulante Palliativversorgung“. Diese Menschen arbeiten berufsbedingt sehr nah am Patienten.

Da hätte man meinen können, das geht doch gar nicht, nachdem die Corona-Pandemie im März auch Hessen erreichte und damit einhergehend die Kontaktbeschränkungen kamen. Wie sollte das Personal seine Arbeit mit den angeordneten Abstandsregeln fortführen? Wie gingen die Teams und die Patienten mit der Furcht vor Ansteckung um? Gemeinsam mit Dr. Sabine Burger, der ärztlichen Leiterin der SAPV-Teams und Anke Peil, der die pflegerische Leitung der Teams obliegt, berichtet der Palliativmediziner über die Zeit in den ersten Wochen der Coronakrise und die getroffenen Maßnahmen, um die für die Patienten und ihre Angehörigen so wichtige Arbeit fortführen zu können. Unterm Strich zieht das Team heute eine durchweg positive Bilanz: „Alle haben mitgemacht und sich mit besonderem Engagement eingebracht, es war eine echte Herausforderung, die uns letztendlich aber hinsichtlich unseres Konzepts und insbesondere bei der Digitalisierung einen großen Schritt vorangebracht hat!“

Viele Patienten mit unheilbaren Erkrankungen haben den Wunsch in ihrer gewohnten Umgebung versorgt zu werden.

Um diesem Wunsch Rechnung zu tragen, wurde im Rahmen der Gesundheitsreform 2007 der palliativmedizinischen Versorgung im ambulanten Bereich ein besonderes Gewicht eingeräumt.

Seitdem haben Versicherte mit einer nicht heilbaren, fortschreitenden und weit fortgeschrittenen Erkrankung bei einer zugleich begrenzten Lebenserwartung Anspruch auf eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung. Für die Palliativmedizin ist nicht Heilung, sondern die Erhaltung bzw. das Erreichen der bestmöglichen Lebensqualität das Ziel der Begleitung.

Das Patientenklientel der Palliativmedizin besteht zum allergrößten Teil aus Tumorpatienten, bei denen eine onkologische Therapie keine Wirkung mehr zeigt, aber unter belastenden Symptomen wie Schmerzen, Luftnot, Übelkeit und Kraftlosigkeit leiden oder aber psychosoziale Probleme haben. Aber auch Patienten mit neurologischen, pneumologischen oder kardiologischen Erkrankungen werden immer häufiger in der Endphase ihrer Erkrankung von der Palliativmedizin betreut.

Um die Betroffenen und deren Angehörige herum wurde ein Netzwerk, bestehend aus Seelsorge, ambulanten Hospizdiensten und Psychoonkologen aufgebaut. Das Besondere an dieser Versorgung ist, dass das SAPV Team für die Patienten und Angehörigen über eine Hotline 24 Stunden erreichbar ist und eine sofortige Hilfe auch in der Nacht gewährleistet ist.

Neben Ärzten und Pflegenden gehören den Palliativ Care Teams auch administrative Kräfte, Sozialarbeiterinnen, Psychoonkologen und Seelsorger an. 

Momentan werden von den SAPV-Teams am Gießener Uniklinikum täglich etwa 85 Patienten aus dem Kreis Gießen und Teilen des Vogelsbergkreises betreut. Als Mitte März die Corona-Auflagen kamen, stand auch das SAPV-Team vor komplexen Aufgaben, die es zu bewältigen galt. „Als erstes mussten wir uns Schutzmasken besorgen, die in dem erforderlichen Umfang anfangs nur schwer zu bekommen waren“, erinnert sich Sabine Burger. Anfangs machten die Teams weniger Besuche, standen aber immer im telefonischen Kontakt mit den Patienten und deren Familien. „Routinemäßig telefonieren wir zweimal in der Woche mit den Patienten und machen einmal in der Woche einen Hausbesuch. Viele von ihnen hatten zunächst Angst vor Ansteckung, die Hysterie in den Medien hat auch unsere Patienten angesteckt“, weiß Anke Peil. Die Mitarbeiter seien weniger verunsichert gewesen. „Bei den täglichen Teambesprechungen wurde und wird selbstverständlich der Sicherheitsabstand eingehalten“, betont Dr. Burger.  Nach zwei bis drei Wochen kehrte dann allmählich wieder Routine ein, die Situation ist inzwischen wesentlich entspannter und die SAPV-Teams sind gut gerüstet: „Wir haben mittlerweile in allen Autos, mit denen wir zu den Patientenbesuchen fahren, eine komplette Schutzausrüstung mit Mundschutz, Brille, Einwegkitteln, Handschuhen und für Verdachtsfälle auch Kopfhauben und Überziehschuhe“, erläutert Peil. „Sobald jemand Fieber hat, ist es ein Corona-Verdachtsfall“, erklärt sie. Wissentlich war bei den Patienten bislang kein einziger Coronafall dabei, allerdings seien einige hochbetagte Patienten mit Fieber auf Wunsch nicht mehr auf Corona getestet worden.

Auch das komplette Team ist bislang verschont geblieben: „Das war anfangs eine große Sorge. Damit nicht gleich das ganze Team lahmgelegt wird haben wir zu Beginn die Mitarbeiter vorsorglich in Gruppen eingeteilt!“

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Das komplette SAPV-Team an der Gießener Uniklinik.  Foto: Jutta Königsfeld

Auch die Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit an sieben Wochentagen blieb erhalten: Angehörige können jederzeit anrufen, ein Team kommt dann.  Ein wichtiges Ziel sei es, die Patienten gut medikamentös einzustellen und die Angehörigen entsprechend einzubeziehen.

Das Team gewinnt der Arbeit der SAPV unter Corona-erschwerten Bedingungen letztlich sogar etwas Positives ab: „Perspektivisch haben wir aus der Situation gelernt. So haben wir beispielsweise die Kontakte zu den etwa einem Dutzend Pflegeheimen, in denen zehn bis 15 Prozent unserer Patienten leben, enger geknüpft und beispielsweise vor Besuchen angerufen und erst einmal angefragt, wie der Stand der Dinge vor Ort ist“, berichten die SAPV-Experten. In der Planungsphase sind außerdem Visiten über Telemedizin in Kooperation mit den Pflegeheimen und Rettungsdiensten. „Wir wollen die Digitalisierung vorantreiben. Das ist eine weitere Lehre aus der Pandemie!“, betont Prof. Sibelius. Auch wird es zukünftig einfacher sein, neue Patienten notfallmäßig aufzunehmen, egal ob Tag oder Nacht. Das war bis vor kurzem vom Verwaltungsaufwand her deutlich umständlicher und aufwändiger.

„Das Team hat eine ganz tolle Leistung in der heftigsten Corona-Phase erbracht, gerade wenn beispielsweise nachts ein neuer Patient aufgenommen werden musste“, zollt Ulf Sibelius seinen Mitarbeitern ein Riesenlob. Damit würden sie alle dazu beitragen, das Motto der SAPV Gießen umzusetzen. Es lautet: „Mensch bleiben, bis zuletzt.“

Kontakt: Tel.: 0641/985 41 -776, -777, -789, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Internet: www.palliativpro.de/sapv-giessen


(Erschienen am 28. Juli 2020 im Gießener Anzeiger)

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