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2018-12-24: Mehr als ein Hauch Freude

2019 12 24 Mehr als ein Hauch Freude PalliativPro

Holger Hauch am Bett eines kleinen Patienten. (Fotos: Schepp)

Es ist ein wirklich harter Job. Dr. Holger Hauch leitet das Kinderpalliativteam am UKGM. Was kann schlimmer sein als Sterbebegleitung für junge Patienten? Der Arzt ermuntert dazu, es anders zu sehen: Es ist Lebensbegleitung bis zum Schluss. Wer den 45-Jährigen bei seiner Arbeit erlebt, versteht den Unterschied.

Für einen Moment wird es ganz still im Hörsaal. »Ich möchte leben, solange es geht«, sagt der Junge, der im Film zu sehen ist. Er ist schwer krank, man versteht ihn kaum. Aber an seinem Wunsch besteht kein Zweifel. Dr. Holger Hauch erläutert Medizinstudenten die Arbeit des Kinderpalliativteams. Er hat in dieser Vorlesung nur 45 Minuten Zeit, um den angehenden Kollegen eindringlich vor Augen zu führen, was zu den wichtigsten Eigenschaften eines guten Arztes gehört: Empathie. Ehrlichkeit, ohne die Patienten zu überfordern. Mitgefühl, ohne distanzlos zu werden. »Lernen Sie, die Wünsche der Patienten zu berücksichtigen«, gibt er ihnen mit auf den Weg. »Und denken Sie daran, dass schon ganz kleine Kinder viel verstehen und Sensoren für Stimmungen haben«.

In Deutschland gibt es etwa 20 000 Kinder mit lebensverkürzenden Erkrankungen. Dazu zählen neben Krebs- und Herzerkrankungen auch neurologische, neuromuskuläre oder genetische Leiden, bei denen es keine realistische Chance auf Heilung gibt. Früher wurden die jungen Patienten häufig in Krankenhäusern versorgt, viele von ihnen starben auch dort. Dies hat sich durch SAPV geändert. Darunter versteht man die spezielle ambulante palliative Versorgung. Die Patienten bleiben in ihrem häuslichen Umfeld. Die Kinder und ihre Eltern werden zu Hause unterstützt, Ärzte und Pflegende kommen zu ihnen, alle zusätzlich notwendigen Hilfen (Physio- oder Logotherapeuten, Psychologen) werden koordiniert. Das Palliativteam ist rund um die Uhr erreichbar und einsatzbereit, zudem wird ein Konzept für Notfallsituationen erarbeitet. Ziel ist es, die Lebensqualität der Patienten so lange wie möglich zu erhalten. Und das funktioniert am besten in einem normalen Alltag. Schule, Geschwister, Freunde, Sport, Bücher, Filme, das alles ist wichtig – auch für ein krankes Kind.

»Wir lachen viel miteinander.
Die Vorstellung, dass unsere Arbeit immer nur trauig ist, stimmt nicht.«

»Die Vorstellung, dass unsere Arbeit immer nur schlimm und traurig ist, stimmt so nicht«, sagt Hauch. Er hat bei seinen Besuchen Zeit für seine Patienten. Das ist das Privileg des Palliativteams. Wie diese Zeit gefüllt wird, entscheidet das Kind. Vielleicht möchte es reden und alles über seine Krankheit wissen. Vielleicht ist Fußball das Thema oder Pferde, vielleicht »Die wilden Kerle« oder »Bibbi Blocksberg«. Manchmal ist die Stimmung gedrückt, aber oft haben die Kinder auch einfach »Bock auf Quatsch«, denn mit den traurigen Eltern ist es für sie oft schon schwer genug. Hauch ist ein Typ, mit dem man Quatsch machen kann. Er ist ein Ruhrpottkind, herzlich, fröhlich und direkt, er lacht gerne und hat ein feines Gespür für die Seelenlage seiner Schützlinge. Er bekommt schnell einen Draht zu den Kindern und versteht es, Vertrauen zu den Eltern aufzubauen. In Kombination mit seinem fachlichen Können und Wissen ist das eine Gabe, die ihn zu einem Glücksfall macht für die Familien. Es ist viel mehr als ein Hauch Freude.

Dass er als Arzt an der richtigen Stelle sein würde, ist Hauch in seiner Zeit im Rettungsdienst der Stadt Castrop-Rauxel aufgegangen. Zuvor hatte er eine ganz andere Idee für die Zukunft. »Ich fand Geschichte immer spannend, ich sah mich eigentlich als Historiker«. Doch dann wurde es die Medizin, und niemand, der ihn heute kennt, kann sich etwas anderes vorstellen. Nach dem Studium in Münster und Holland sowie einem Abstecher nach Kanada folgten berufliche Stationen in Bochum und Herne, in Hamburg, Regensburg, Tübingen und Heilbronn. Hauch ist Arzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin mit dem Schwerpunkt Kinder-Hämatologie und Onkologie.

»Ich wollte immer Kinder heilen, und das will ich heute noch.«

Seit November 2014 ist er Leiter des Kinderpalliativteams Mittelhessen, seit 2016 bekleidet er zudem mit einer halben Stelle den Chefarztposten der Klinik für Kinderheilkunde und Jugendmedizin im Klinikum Bad Hersfeld. Studiert man seinen Lebenslauf, so fallen neben den Zusatzqualifikationen die vielen berufsbegleitenden Fortbildungen und Aktivitäten im Rettungsdienst auf. Wie passt das allen in ein einziges Leben? Man muss brennen für seinen Beruf und das, was man tut. »Ich wollte immer Kinder heilen, und das will ich heute noch«, sagt er. Doch auch Forschung und Lehre sind ihm wichtig, daher fühlt er sich am Universitätsklinikum an der richtigen Stelle, er verspürt große Wertschätzung für Vorbilder und Mentoren wie Prof. Alfred Reiter und Prof. Ulf Sibelius.

Seine kleinen Patienten ein Stück ihres oft schweren Wegs zu begleiten, ihnen ihre Schmerzen zu nehmen und ihr Leben ein Stück besser und leichter machen, empfindet er als Bereicherung. Dass dies alles auch belastend ist, leugnet er nicht. Hauch, dessen Ehefrau ebenfalls Kinderärztin ist, hat selbst zwei kleine Kinder. Seit er Vater ist, hat sich seine Perspektive noch einmal etwas verschoben. Ein empathischer Arzt war er schon vorher, aber nun fühlt er sich noch einmal anders in die Eltern schwer erkrankter Kinder ein. »Man ist vielleicht noch authentischer«, überlegt er. Gesunde Kinder zu haben macht ihn dankbar und demütig, die eigenen Erfahrungen in der Familie sorgen im Job für mehr Großzügigkeit und Gelassenheit.

Dr Holger Hauch Normalitaet fuer kranke Kinder

Der Arzt möchte Kindern ein Stück Normalität ermöglichen.

Aus dem zurückhaltenden Jungen aus Oer-Erkenschwick ist nicht nur ein vielbeschäftigter Chefarzt geworden, sondern zu seinem eigenen Erstaunen wenn es sein muss auch ein Netzwerker mit den Qualitäten einer »Rampensau«. Hauch geht immer dann in die Offensive, wenn es darum geht, »sein« Palliativteam zu stärken. Damit er und seine Kollegen für die Kinder da sein können, wirbt er um Mitstreiter, kämpft um Mittel und appelliert an die Gemeinschaft, Abschiednehmen und Sterben einen Raum zu geben in unserer Gesellschaft.

Sitzt er am Bett eines Kindes, ist von dieser Geschäftigkeit nichts zu spüren. »Ich möchte leben, so lange es geht«, hat der Junge im Film gesagt. Diesen Wunsch erfüllt ihm der Arzt. Und wenn es nicht mehr geht, bleibt er bei ihm bis zum Schluss.

 

Kinderpalliativteam: Rund um die Uhr einsatzbereit

Das Kinderpalliativteam besteht aus Ärzten, Pflegekräften und einer Psychologin. Es ist zuständig für die Kreise Gießen, Lahn-Dill, Marburg-Biedenkopf, Vogelsberg, Limburg-Weilburg und die angrenzenden Gebiete von NRW und Rheinland-Pfalz. Die Mitarbeiter sind rund um die Uhr einsatzbereit. Die Kinder werden kurzfristig, aber nach Bedarf auch über einen längeren Zeitraum betreut. Das Team möchte Brücken schlagen zwischen der Krankenhausversorgung und dem häuslichen Umfeld. Aus allen Bereichen des UKGM haben sich Ärzte bereit erklärt, das Team zu unterstützen. So ist es möglich, fachgebundenen Rat einzuholen oder Patienten auch gemeinsam zu betreuen. Infos: www.palliativpro.de/das-kinder-palliativ- team. Telefon: 0 641/985-4 39 07.

 

(Erschienen in der Gießener Allgemeinen am 24.12.2018)

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